Musikwirtschaft & Recht

m4music: Streitgespräch Musik-Streaming

Zum 21. Mal fand im Frühling 2018 das m4music im Schiffsbau in Zürich statt.
Das gut besuchte Festival bietet jährlich allen Musikschaffenden und Musikinteressierten einen Treffpunkt mit verschiedenen Konzerten, Vorträgen, Preisverleihungen und Podiumsdiskussionen.

Im Rahmen dieser offenen Zusammenkunft fand ein Streitgespräch zum Thema Musik-Streaming statt. Dazu kamen Vertreter verschiedener Branchenzweige zu einer Podiumsdiskussion zusammen. Diskutiert wurde mit dem Geschäftsführer der SUISA Digital Licensing, dem Geschäftsführer der IFPI Schweiz und dem Gründer von iGroove.

Fabian Niggemeier, Senior Legal Counsil bei der SUISA und CEO bei der SUISA Digital Licensing

Lorenz Haas, Managing Director der IFPI Schweiz

Dennis Hausammann, Bro-Founder von iGroove

Während der Vorstellungsrunde füllte sich der abgedunkelte Saal mit Gästen, bis der letzte Platz besetzt war. Das Streitgespräch wurde mit Vorträgen der drei Teilnehmer begonnen, was jedem die Möglichkeit bot, seine Herausforderungen und Sichtweisen in Bezug auf den Wandel der Musikindustrie zu präsentieren. In den letzten Jahren sorgte die Situation im Online-Bereich für viel Gesprächsstoff, vor allem bei der Frage, ob die Künstler fair am boomenden Streaming-Markt beteiligt werden.


3 Probleme im Streaming-Markt

Im Saal sind alle gespannt und erhoffen sich, dass dieses Podium Klarheit zum Thema Musik-Streaming schafft. Fabian Niggemeier übernimmt das Wort und hat dazu eine Präsentation vorbereitet, um dem Publikum die Herausforderungen des Musik-Streaming-Geschäfts näher zu bringen.

 

  1. Marktwirtschaftliche Prinzipien; Beim Musik-Streamingdienst mit den wenigsten Abonnenten, werden den Musikern etwa mit 0.06 CHF pro Stream ausbezahlt. Bei jenem Dienst mit den meisten Abonnenten sind die Entschädigungen rund 20 Mal kleiner mit ungefähr 0.003 CHF pro Stream. Das widerspricht dem Marktwirtschaftlichen Prinzip – Angebot und Nachfrage – wie wir es kennen.
  1. Wettbewerb unter Streamingdiensten in Europa; Momentan herrscht ein Verdrängungskampf unter den Musik-Streamingdiensten. Dabei ist Marktanteile zu gewinnen wichtiger, als Gewinn zu erzielen.
  1. Quersubvention; Nicht alle Musik-Streamingdienste haben einen Anreiz, mit ihrem Angebot Geld zu verdienen. Beispielsweise Apple oder Google können ihr Streaming-Geschäft mit anderen Dienstleistungen oder Produkten quersubventionieren. Dadurch sind solche Streaming-Anbieter in der Lage, die Abonnementspreise tief zu halten. Das Problem dabei: Je weniger der Anbieter durch seine Abos einnimmt, desto tiefer fallen die Entschädigungen für die Musiker pro Stream aus.


Wer bekommt welches Stück vom Musik-Streaming-Kuchen

 Youtube macht fast 50% der Musik-Streaming Nutzung aus. Damit werden nur 4.6% des Umsatzes der Schweizer-Labels generiert. Die andere Hälfte der Streaming Nutzung wird durch Abo- und Werbefinanzierte Musik-Streamingdiensten generiert und macht 34.5% des Umsatzes der Labels aus.

Angesichts des hohen Musikkonsums auf YouTube und Vevo ist dieser Umsatz erstaunlich gering, wie Lorenz Haas, Geschäftsführer von IFPI Schweiz, meint:

«Weil diese Plattformen nicht selbst, sondern durch ihre User Musikvideos anbieten, stellen sie sich auf den Standpunkt, von den Rechteinhabern keine Erlaubnis zu benötigen und beteiligen sie mehr oder weniger einseitig an ihren Werbeeinnahmen. Wir werden die Entwicklung weiterverfolgen – allenfalls wird man über eine Anpassung der rechtlichen Rahmenbedingungen in der Schweiz nachdenken müssen.»

Und schon kommt aus dem Publikum die Frage, welche Entschädigungsbeträge dann von den Streamingdiensten für die Nutzung von Musik an Labels und Verwertungsgesellschaften bezahlt würden und wieviel davon beim Künstler und den Urhebern letztendlich ankommt?

Daraufhin meint Lorenz Haas, dass es schwierig sei, eine allgemein gültige Aussage zu machen. Um die Frage aus dem Publikum trotzdem mit ungefähren Zahlen zu beantworten, stützt er sich auf die Studie Dissecting the Digital Dollar des Music Managers Forums.

Zusammengefasst heisst das:
Musik-Streamingdienste nehmen Geld mit dem Verkauf verschiedener Abonnemente ein.
Aus diesen Einnahmen fliesst ca. 12% an die Verwertungsgesellschaften, welche dann diese Urheberrechts-Entschädigungen an Textautoren, Komponisten, Arrangeure und Verlagen ausbezahlen. Weitere ca. 50% konnten Musik-Labels und Content Aggregatoren, welche sich um die Zugänglichmachung der Musik auf Streamingdiensten kümmern, aushandeln. Wieviel der Künstler dann vom Label bekommt, ist von seinem Vertrag mit dem Label abhängig. Bekannte Künstler können dabei bis zu 30% Entschädigungs-Anteil aushandeln. Newcomer werden jedoch deutlich tiefer entschädigt.

Auf diese Zahlen kommt aus dem Publikum direkt die kritische und gerechtfertigte Frage, ob Musik-Labels bei ihren Dienstleistungen im Online-Bereich dem Künstler zu wenig Geld ausbezahlen und weshalb Urheberrechts-Entschädigungen soviel tiefer ausfallen.

Dennis Hausammann, welcher aus der Motivation heraus, Musikschaffenden den Vertrieb ohne Label und hohe Margen zu ermöglichen, iGroove mitbegründet hat, stellt sich der Frage. Dabei erläutert er zu Beginn kurz iGroove (Content-Aggregator) als Alternative zum Label.

Dem Publikum fehlt jedoch noch die Antwort darauf, weshalb die Verwertungsgesellschaften für ihre Urheber und Verleger von Musik-Werken nicht mehr als 12% mit den Streamingdiensten aushandeln konnten. Die Antwort mit der Begründung dazu liefert Fabian Niggemeier von der SUISA, bis ihm Lorenz Haas ins Wort fällt, um die Entschädigungsanteile der Labels zu rechtfertigen.

«Wenn ich meine Freunde von der SUISA provozieren will, sag ich: Ihr seid ja bloss ein Inkasso-Büro – fertig» Lorenz Haas

Es ist allgemein bekannt, dass Musikschaffende die Musik-Streamingdienste immer wieder in der Öffentlichkeit schlecht machen und sich beklagen, dass sie durch Streaming viel zu wenig verdienen. Würden die Musik-Streaming Anbieter ihre Abo-Preise erhöhen, würde auch der Wert eines Streams ansteigen. Obwohl weltweit gut positionierte Anbieter wie Spotify hohe Verluste machen, werden die Preise nicht erhöht.

«Im Moment herrscht ein Verdrängungskampf. Dieser sorgt dafür, dass das Gewinnen von Marktanteilen über allem steht» Fabian Niggemeier

Sehr umstritten ist das «Freemium-Modell» von Spotify. Das werbefinanzierte Angeboterlaubt es dem Nutzer, mit ein paar wenigen Einschränkungen, gratis auf 35 Millionen Songs zurückzugreifen. Für Spotify ist dieses Angebot für die Gewinnung von Marktanteilen und neuen Abonnenten strategisch von hoher Bedeutung, wie Lorenz Haas erklärt. Für Fabian Niggemeier ist es jedoch höchste Zeit, dass solche Gratis-Angebote nicht mehr befürwortet werden. Auf dem Podium scheint der Stellvertreter der Urheber und Verleger jedoch der einzige zu sein, der das so sieht.

Doch gibt es einen Preis, welcher schlussendlich allgemein fair für Nutzer, Abonnenten und Musikschaffende ist und wieviel ist ein Musik-Konsument auf Streaming-Plattformen bereit zu zahlen?


Können Schweizer Musiker mit Streaming Geld verdienen?

Seit Februar 2018 begleitet uns der Song 079 von Lo&Leduc. Der Ohrwurm wurde nur auf Download- und Musik-Streaming-Portalen veröffentlicht und konnte dennoch Platz 1 der Schweizer Hitparade erlangen. Um solche Erfolge verbuchen zu können, braucht ein Künstler neben der guten Musik auch eine gut kalkulierte Strategie, wie Dennis Hausammann dem aufmerksam lauschenden Publikum erklärt.

«Man kann mit Streaming Geld verdienen, aber wir haben Herausforderungen, denen wir uns annehmen müssen» Dennis Hausammann


Wird das kleine Schweizer Repertoire auf den grossen Musik-Streaming-Plattformen überhaupt wahrgenommen?

Musik-Streamingdienste werden dominiert vom US-Repertoire.
Mit ein Grund dafür sind die von Kuratoren und Algorithmen zusammengestellten Playlisten der Dienste, welche dem Abonnenten bereits schon auf der Startseite vorgeschlagen werden. Solche Playlisten haben sich bei Spotify für die Schweizer Zielgruppe bis Ende 2017 nicht von denjenigen in irgendeinem anderen Land unterschieden. Das führte dazu, dass die Populären und sehr stark frequentierten Playlisten auch in der Schweiz keine lokalen Künstler beinhalteten. Das Schweizer Repertoire ist schlicht und einfach zu schwach, um im internationalen Markt überhaupt wahrgenommen zu werden.

Lorenz Haas analysierte die Situation und betont, wie wichtig es für die Musikschaffenden in der Schweiz ist, seit Ende 2017 ebenfalls in solchen Listen zu erscheinen.

Auch Dennis Hausamann sieht Playlisten als wichtiges Instrument für die Schweizer Künstlerum wahrgenommen zu werden und so schlussendlich auch Geld mit Streaming verdienen zu können.

Zu diesem Thema kennt sich der iGroove Mitbegründer besonders gut aus. Denn ca. 80% der Schweizer Independent Künstler veröffentlichen ihre Musik über seine Plattform iGroove, welche sich dann bemüht, einzelne dieser Songs in gut frequentierte Playlisten zu bringen. Wie das geht und was Musikschaffende dafür brauchen, erklärt Dennis Hausamann.

«Wenn wir versuchen, den Leuten irgendwie zu helfen und sie zu unterstützen, um irgendwie mehr Geld zu verdienen auch im Streaming, dann gibt es einen ganz extremen Multiplikator und das ist die Playlist.» Dennis Hausamann


Streetrap auf Streamingdiensten im Vormarsch

Seit ungefähr einem Jahr ist bei uns zu beobachten, dass immer mehr Künstler aus dem Urban Segment, welche sogenannten Strassenrap machen, die Streaming-Charts dominieren. Solche Songs haben bei herkömmlichen Radio-Stationen eine relativ geringe Chance überhaupt gespielt zu werden, alleine schon wegen der Songtexte.

Beispielsvideo von Rapper GZUZ «Was hast du gedacht» (24 Mio. Aufrufe):

Ein Musikbegeisterter aus dem Publikum stellt die Frage, wie bei uns vor allem deutschsprachige Rap-Songs so viel Aufmerksamkeit auf Streaming-Plattformen erreichen können.

 


Musik-Streaming hat den Markt verändert – Wir müssen vergessen, was einmal war

Das Thema Musik-Streaming könnte noch endlos weiter diskutiert werden, doch die vorgesehene Stunde für dieses Streitgespräch ist bereits vorbei. Vereinzelt verlassen Leute aus dem Publikum bereits den Saal. Trotzdem möchte die Moderatorin von ihren drei Gästen noch wissen, welches ihre Ziele für eine bessere Streaming-Entschädigung der Musikschaffenden sind.

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